Rothirsch (Cervus elaphus)


Abbildung 18: Äsender Rothirsch mit Geweih zur Brunftzeit
Abbildung 19: Bastgeweih eines Rothirschs im Mai

Der Rothirsch ist in ganz Europa, vor allem aber in Zentral- und Osteuropa verbreitet. Als Neozoe wurde er aber auch in verschiedenen anderen Ländern und Kontinenten eingebürgert. 80

Der Rothirsch hat eine Körperlänge von 1,65 m bis 2,50 m. Die Schwanzlänge beträgt 10 cm bis 27 cm. Die Schulterhöhe liegt zwischen 75 cm und 1,50 m. Ein Rothirsch wiegt zwischen 75 kg und 340 kg. Die Lebensdauer eines Rothirschs beträgt zwischen 12 und 15 Jahre. 81 Die Fellfarbe eines Rothirschs ist rotbraun und ist auf der Bauchseite und an der Hinterseite heller.

Nach einer Tragzeit von 230 bis 240 Tagen wird in der Regel im Mai oder Juni ein hell getupftes Kalb geboren. 88

Dieses Kalb entspricht am ehesten einem beim Anblick von Junghirschen so oft genannten „Bambi“. Der Begriff ist aber dennoch nicht komplett richtig. Ursprünglich handelte es sich in der Geschichte des Österreichers Felix Salten bei Bambi um ein Rehkitz. Dort war aber auch der Vater des Rehs ein Rehbock und kein kapitaler Weißwedelhirsch, wie später im Disney Film gezeigt. Die Änderung im Film wurde vorgenommen, weil es in Amerika keine Rehe, dafür aber Weißwedelhirsche gibt. Dieser Trick hatte weitreichende Folgen für die heimische Artenkenntnis in Deutschland. So wurde der im Film gezeigte Hirsch als vermeintlicher Rothirsch angesehen, während die Mutter Bambis vermutlich aufgrund der hohen Ähnlichkeit das Reh blieb. Biologisch gesehen ist das jedoch nicht möglich. Bambi kann nur Eltern einer Art haben. Der Nachwuchs eines Rothirschs ist deshalb richtigerweise ein Rothirschkalb und Bambi ein Filmstar. 
 
Der Rothirsch wird gerne als König des Waldes bezeichnet, doch entspricht dieser Lebens-raum gar nicht seinem natürlicherweise bevorzugten Lebensraum. Tatsächlich gibt es wenige wildlebende Säugetiere, die so sehr durch den Menschen beeinflusst wurden, wie der Rothirsch. Ohne den Einfluss des Menschen würden Rothirsche gering bewaldete Flächen mit großer Äsung bevorzugen. Sie wurden aber in die Wälder zurückgedrängt, wo es nun zu Verbissschäden oder dem Schälen von Rinde kommt. 89  Wie bereits oben erwähnt, wurde der Rothirsch durch den Menschen in vielen Ländern zu Jagdzwecken eingebürgert. Außerdem wurden Bestände oft mit Rothirschen aus anderen Regionen aufgefrischt („Blutauffrischungen“), wenn die Bestände zu stark bejagt wurden. 90 Heute müssen in Bayern rund 11000 Rothirsche jährlich erlegt werden. 91

Das Imposanteste am Rothirsch ist das Geweih der Männchen (siehe Abb. 18). Nur bei den Rentieren, die ebenfalls zu den Paarhufern und Geweihträgern gehören, tragen auch die Weibchen ein Geweih. Die Bildung des Geweihs erfolgt aus den sog. Rosenstöcken und wird hormonell durch ein Wachstumshormon und Testosteron 82 über das Jahr hinweg gesteuert. Diese Steuerung unterliegt wiederum der Sonnenlichteinstrahlung und führt dazu, dass die Brunft, die ebenfalls durch Hormone gesteuert wird, stets nach der Sommersonnenwende stattfindet. Siedelt man Hirsche auf die Südhalbkugel um, so ändert sich deren Brunft um etwa ein halbes Jahr, wenn dort gleiche Lichtverhältnisse herrschen. 83

Das Geweih wächst an der Spitze und verzweigt sich je nach Hirschart unterschiedlich. Beim Rothirsch dominiert stets der hintere Ast und bildet so die typische Geweihform. Während des gesamten Wachstums ist das Geweih von einer Hautschicht, dem Bast, umgeben (siehe Abb. 19). Dieser Bast, der für die Bildung des Knochens verantwortlich ist, wird im August gefegt. 84  Im März oder April des nächsten Jahres wird schließlich auch das Geweih abgeworfen. Dabei stellt sich die Frage, warum dieser ganze Prozess stattfindet und welchen Sinn die Bildung eines Geweihs hat. Die meistgenannten Antworten auf die Frage sind das Imponieren und der Nutzen als Waffe bei Rangkämpfen. Beide Funktionen sind richtig. Doch gäbe es evolutionär gesehen keine Erklärung dafür, wie sich ausgehend von den Rosenstöcken derart große Geweihe durchgesetzt haben, nur um während der Paarungszeit Nutzen zu haben. In diesem Zusammenhang gibt es zwei weitere, ursprünglichere Gründe für die Entwicklung der prächtigen Geweihe. So wird es einerseits zur Markierung und Verbreitung von Duftstoffen verwendet. Dafür befinden sich an den Enden des Geweihs Duftdrüsen, die ein stark riechendes Sekret absondern. Andererseits dient das Geweih als Blickfang für die aufgrund ihrer Augenform kurzsichtigen Hirsche. Sie können in der Entfernung schlecht sehen und nehmen nur Bewegungen gut wahr. Durch das große Geweih können die Bewegungen des Hirschs von anderen Artgenossen besser erkannt werden. Die Kombination all dieser Vorteile führte dazu, dass sich das Geweih in seiner heutigen Form etablierte. 85, 86

Es wird angenommen, dass sich mit der Vergrößerung des Geweihs die ursprünglich vorhandenen Fangzähne zurückgebildet haben, weil das Geweih deren Imponierfunktion übernommen hat. Dies wird dadurch bestätigt, dass Paarhufer mit kleinem oder fehlendem Geweih  (z. B. Wasserreh oder Wildschwein) diese vergrößerten Fangzähne noch besitzen. Bei Rothirschen sind die verkleinerten Fangzähne im Oberkiefer noch zu sehen (siehe Abb. 20).

Abbildung 20: Rothirschschädel mit verkleinerten Fangzähnen

Rothirsche grasen und äsen meistens morgens und am späten Nachmittag. Sie ernähren sich auch von Blättern. Die meiste Zeit des Jahres leben Rothirsche in getrenntgeschlechtlichen Gruppen. Nach dem Fegen des Geweihs im August oder September, lösen sich die Verbände und die Hirsche versuchen sich einen Harem zu erkämpfen. Die Brunftschreie des Hirschs sind dann weithin hörbar. 87 

 

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80  NOWAK, 1991
81  NOWAK, 1991
82  Testosteron: „Ein männliches Sexualhormon (Steroidhormon).“ (PURVES, SADAVA, ORIANS, & HELLER, 2006, S. 1497)
83  WAGENKNECHT, 1996
84  Unter dem „Fegen des Geweihs“ versteht man das Abreiben der Bastschicht, die sich auf der Außenseite des Geweihs befindet.
85  WAGENKNECHT, 1996
86  BUBENIK, 1966
87  WALKER, 1975
88  WALKER, 1975
89  WAGENKNECHT, 1996
90  NOWAK, 1991
91  Landesjagdverband Bayern e. V., 2012

Bildquellen:
Foto: Christian Haberl