Hausziege (Capra aegagrus hircus)


Abbildung 16: Hausziege

Die Gattung Capra beinhaltet sechs Arten, die sich über ganz Eurasien erstrecken und auch das nördliche Afrika mit einschließen. Die namensgebende Art der Gattung ist Capra hircus. 74

Das Stockmaß bei Ziegen beträgt zwischen 60 cm und 85 cm. Die Schwanzlänge beträgt zwischen 12 cm und 15 cm. Weibchen wiegen zwischen 50 kg und 55 kg, während Männchen bis zu doppelt so schwer werden können. Bei den Ziegen tragen, wie bei allen Hornträgern üblich, auch die Weibchen Hörner. Diese werden zum Verteidigen des Nachwuchses auch eingesetzt. Im Gegensatz zu Schafen haben Ziegen im Schwanz einen Muskel, mit dem sie ihren Schwanz nach oben strecken können. Einen weiteren Unterschied zu den Schafen stellen der Ziegenbart, der intensive Geruch der Männchen und die konvexe Schädeloberseite im Gegensatz zur konkaven der Schafe dar. 75

Hausziegen leben in kleinen Herden von fünf bis 20 Individuen und werden meist von einer Geiß angeführt. Nur im Herbst zur Paarungszeit schließen sich die Männchen den Herden an. Der Nachwuchs kommt nach einer Tragzeit von 147 bis 180 Tagen zur Welt. Dieser wird nach acht bis zwölf Monaten geschlechtsreif und erreicht ein Alter von zehn bis 18 Jahren. 76

Die Hausziege ist ein Paarhufer und zählt zur Unterordnung der Wiederkäuer. Wie alle Wiederkäuer ist die Ziege reiner Pflanzenfresser und hat dazu eine spezielle Art und Weise der Verdauung erlangt. Allgemein ist pflanzliche Nahrung zwar reich an Kohlehydraten, enthält jedoch wenig Fett und Proteine und ist deshalb eine relativ einseitige Nahrungsquelle, die noch dazu schwer aufzuschließen ist. Dies ist deshalb der Fall, weil Säugetiere nicht in der Lage sind, Cellulose, die überwiegender Kohlehydratlieferant in der Pflanzenzelle ist, mit Hilfe eines selbst erzeugten Enzyms abzubauen. Verschiedene Ordnungen haben mit diesem Problem ebenfalls zu tun und lösen es beispielsweise durch Caecotrophie. 77 Hierbei müssen bestimmte, nährstoffreiche, durch Bakterien vorverdaute Kotballen zur besseren Verwertung erneut gefressen werden. Nagetiere (z. B. Meerschweinchen) und Hasenartige (z. B. Kaninchen) können so an die wertvollen Nährstoffe gelangen. Auch Pferde haben das Problem pflanzliche Nahrung möglichst vollständig verwerten zu müssen. Dazu besitzen sie einen besonders großen Blinddarm, in dem Bakterien die Nahrung weiter aufschließen. Die Wiederkäuer jedoch haben die komplexeste und vermutlich effektivste Form der Verwertung pflanzlicher Nahrung entwickelt (siehe Abb. 17). Zu der Unterordnung der Wiederkäuer zählen nicht nur Ziegen und Kühe, sondern u. a. alle Horn- und Geweihträger. Auf die Höllohe bezogen sind das alle Paarhufer, außer dem Wildschwein. Wiederkäuer müssen aufgrund vieler Fressfeinde in der Lage sein, möglichst viel verwertbare Nahrung zu sich zu nehmen. Deshalb können sie in ihrem Pansen eine große Menge nahezu unverdauter Pflanzenbestandteile zur Verdauung zwischenlagern. Das bedeutet, dass sie sehr schnell viel Nahrung aufnehmen können und die Verdauung auf einen späteren Zeitpunkt, z. B. bei einer ungestörten Rast im Wald, verschieben. Die mit Speichel versetzten Pflanzenreste kommen zunächst in den Pansen, der eine Gärkammer darstellt, in der die Nahrung von Bakterien „verdaut“ wird. Diese Bakterien stellen das Enzym Cellulase her, mit dessen Hilfe die Cellulose der Pflanzenzellen aufgeschlossen wird. Vom Pansen gelangt der Nahrungsbrei in den Netzmagen, in dem Ballen geformt werden. Diese werden nach und nach aufgestoßen, erneut in Ruhe gekaut und dann in den Blättermagen abgeschluckt. Dort wird dem Nahrungsbrei Wasser entzogen. Danach wird der Brei in den Labmagen, der von der Funktion her dem Magen des Menschen entspricht, weitergegeben. Erst dort werden körpereigene Enzyme zugesetzt, die den Nahrungsbrei verdauen und für die immer noch sehr lange Darmpassage vorbereiten, wo die Nährstoffe letztendlich aufgenommen werden. 78

Die erste Domestikation der Ziege fand vor etwa 8000 bis 9000 Jahren statt und leitet sich von der Wildziege Capra hircus ab. 79 Die Domestikation der Ziege hatte sehr große Bedeutung, weil sie universell nutzbar ist. Zusammen mit Schafen, Rindern und Hunden sind die Ziegen die ältesten und immer noch bedeutendsten Nutztiere des Menschen. Neben dem Fleisch fand auch die Milch oder das Fell und Leder bis heute Verwendung, was ihnen ihren hohen Stellenwert einräumt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Ziegenherden auch große Vegetationsschäden anrichten können und durch Verdrängung für die Dezimierung ihrer Wildform verantwortlich waren.

Im Wildpark Höllohe sind die Ziegen und ihre Lämmer diejenigen Tiere, die sich sehr gerne streicheln und füttern lassen.

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74  WALKER, 1975
75  WALKER, 1975
76  WALKER, 1975
77  Siehe Text zu „Nagetieren“
78  Zoo Saarbrücken, 2012
79  NOWAK, 1991

Bildquelle:
Foto: Christian Haberl